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Wiener Zeitung – article by editor-in-chief

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Eine kleine österreichische Mediengeschichte

Die „Wiener Zeitung“, die älteste Tageszeitung der Welt, kämpft um ihr Überleben

Von Walter Hämmerle, Chefredakteur, Wiener Zeitung

Die „Wiener Zeitung“ kämpft um Ihr Überleben. Das ist nicht wirklich eine überraschende Nachricht. Als älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt, gegründet 1703, hat diese Redaktion, die 1857 wegen ungebührlichen Benehmens im Zuge der 1848er Revolution in staatliches Eigentum überging, viel erlebt: Von Revolutionen und Kriegen, über den Absolutismus via Autoritarismus und Faschismus bis hin zur Demokratie. Das volle Programm samt einigen Situationen außerhalb jeder Norm. Als etwa Napoleon 1805 Wien besetzt und das Kaiserhaus aus der Stadt flieht, bringt der französische Eroberer sogar einen eigenen Redakteur für die „Wiener Zeitung“ mit.

Als die Zeitung Ende 1945 wieder auferstand, nachdem sie von den Nazis als unerwünschte Erinnerung an ein eigenständiges Österreich eingestellt worden war, war das für die Republik ein starkes Zeichen. Heute weiß die Republik als Eigentümer nicht mehr viel mit ihrer Tagezeitung anzufangen. Dass diese sich, quasi unbeabsichtigt und ohne Auftrag, zu einer hoch angesehenen Qualitätszeitung entwickelt hat, ist quasi „passiert“.

Eine klare Strategie steckte jedenfalls nicht dahinter. Mit der Digitalisierung des Amtsblattes sollen auch die von den Unternehmen zu entrichtenden Veröffentlichungsgebühren wegfallen, die bisher die Finanzierungsgrundlage der Redaktion bilden. Über neue oder alternative Finanzierungsmodelle hat der Eigentümer, i.e. die Republik, zwar ein gutes Jahrzehnt nachdenken lassen. Aber ohne den dazugehörigen politischen Willen und mit noch weniger Fantasie. Und wenn man eines braucht im ökonomischen Überlebenskampf des Qualitätsjournalismus, dann ist es das: Willenskraft und Fantasie. Ohne die beiden „kann man halt leider nichts machen“, wie eine beliebte österreichische Redensart weiß. Es wäre das Ende der ältesten Tageszeitung der Welt als Qualitätsmedium; was davon übrigbleiben würde, wäre die Marke und „irgendetwas mit Medien“.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Digitalisierung des Amtsblattes, das heißt der staatlich vorgeschriebenen Veröffentlichungspflichten für Unternehmen, ist richtig und eigentlich längst überfällig. Und nicht nur eine Redaktion im – zumindest indirekten – Verfügungsbereich des Bundeskanzleramts ist eine Anomalie für eine liberale westliche Demokratie, sondern auch Pflichtgebühren als deren hauptsächliche Finanzierungsgrundlage. Das zu ändern, ist legitim. Daraus ergibt sich aber auch die Verantwortung des Eigentümers nach neuen Antworten auf die Frage der Finanzierung. Es sei denn, dass eine Zukunft gar nicht vorgesehen ist – oder jedenfalls keine vorrangig journalistische.

Kaum vorzustellen, was das für einen Verlust bedeuten würde! Immerhin spiegeln sich auf den Seiten der „Wiener Zeitung“ seit 1703 die Geschichte und die Geschichten Österreichs wider. Und dies in einzigartiger und – bis auf die Nazis – ununterbrochener Kontinuität. Was für ein Schatz, was für ein Juwel, das da unwiederbringlich verloren zu gehen droht. Einfach nur, weil es an Willenskraft und Fantasie mangelt.

Um das besser zu verstehen, muss man wissen, dass Österreich ein seltsames Medienland ist. Der Lauf der Geschichte und das unablässige Streben der Mächtigen nach Einflussmöglichkeiten auf das, was und wie über sie berichtet wird, hat zwar nicht verhindern können, dass auch in Österreich eine selbstbewusste vierte Gewalt in den Redaktionen des Landes Platz genommen hat.

Aber die Unabhängigkeit ist zuletzt als Folge der Finanzkrise und der digitalen Disruption wieder prekär geworden. Kaum ein Medium, das gänzlich ohne öffentliche Zuwendungen das Auslangen finden könnte. Das allergrößte, den öffentlich-rechtlichen ORF, finanziert sich überwiegend direkt durch die Einhebung einer öffentlichen Gebühr, bei den meisten anderen geschieht das in unterschiedlichem Ausmaß indirekt, durch eine weithin intransparente Vergabe von Inseraten.

Mitentscheidend für diese Situation ist die unterentwickelte Bereitschaft vieler Medienkonsumenten, Journalismus, insbesondere in seiner qualitativen und deshalb kostspieligen Form als Produkt anzuerkennen, das einen entsprechenden Preis kosten muss. Hierzulande stimmt das Sprichwort „wer billig kauft, kauft teuer“ ganz besonders, weil Gratismedien mit einem Gutteil des aus Steuermitteln finanzierten öffentlichen Inseratenkuchens bedient werden.

Wie anders sähe dagegen die Finanzierung unabhängiger Qualitätsmedien in einer idealen Welt aus! Die Menschen in ihrer Rolle als Bürgerinnen und Bürger eines Gemeinwesens wären für einmal tatsächlich der Souverän und hielten alle Zügel in ihren Händen.

In dieser Welt wüssten die Menschen um die Bedeutung von (Qualitäts-)Journalismus für eine freie und offene Demokratie und wären genau deshalb bereit, für diese Dienstleistung auch den notwendigen Preis zu erstatten. Die Notwendigkeit, die großen Debatten mit offenem Visier und feinem Gehör für alle erforderlichen Stimmen und Argumente zu führen, würde wiederum die Medien davor bewahren, sich in homogene Lautsprecher artikulationsstarker Minderheiten zu verwandeln. „Audiatur et altera pars“, der Grundsatz, dass immer auch die Gegenseite gehört werden muss, wäre nicht nur vor Gericht Pflicht, sondern auch in allen öffentlichen Angelegenheiten oberstes Prinzip.

Die Leserinnen und Leser, die Nutzerinnen und Nutzer in einer idealen Welt würden einen solchen Journalismus nicht als Zumutung für die eigenen Überzeugungen empfinden, sondern als Bereicherung und Erweiterung des eigenen Horizonts, und deshalb solchen Medien nicht mit der Kündigung ihres Abos drohen, sondern mit der Verlängerung um ein weiteres Vertragsjahr danken. Zu einem Preis wohlgemerkt, der die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Redaktionen auch tatsächlich zu Ziel und Zweck hat. Unternehmen und Konzerne würden das in einer idealen Welt übrigens ganz genauso so sehen und entsprechend inserieren und werben.

Leider ist die Welt nicht so, wie wir sie uns wünschen. Für Österreich mit seinen neun Millionen Einwohnern in einem gemeinsamen Sprachraum, der rund 100 Millionen Menschen umfasst, bedeutet das, dass Qualitätsjournalismus ohne öffentliche Unterstützung keine Überlebenschance hat. Der „Markt“ von Angebot und Nachfrage gibt das nicht her.

Das ist auch deshalb kein Geheimnis, weil die öffentliche Hand in Summe und all inclusive rund 1 Milliarde Euro für Medien aufwendet. Pro Jahr, wohlgemerkt. Das Problem dabei ist nicht die Summe, sondern dass es insbesondere bei der Vergabe von Inseraten und Kooperationen an nachvollziehbaren Richtlinien und genereller Transparenz fehlt. Dabei ist diese Kritik fast so alt wie die Erfindung der öffentlichen Einschaltung. Und es ist dieses Biotop, in dem tatsächliche und vermutete Mauscheleien blühen. All das zusammengenommen ist Gift, Gift für die ökonomische Unabhängigkeit der Verlage, die untrennbar mit der redaktionellen Freiheit verbunden ist, und Gift für die politische Kultur.

Die Auswirkungen der vielfältigen und durchaus widersprüchlichen Verzerrungen des österreichischen Medienmarkts heißen Konzentration und Titelsterben. Stand 2021 verfügt Österreich nur noch über 14 Tageszeitungen, die „Wiener Zeitung“ miteingeschlossen; in der Schweiz sind es noch mehr als 40. Oder anders ausgedrückt: In Österreich gibt es nicht zu viel Qualitätsjournalismus, sondern zu wenig.

Ein besseres Argument für den Fortbestand der „Wiener Zeitung“ als Qualitätszeitung ist schwer zu finden. Die Willenskraft und Fantasie bei allen Beteiligten vorausgesetzt.

Englische Version 

Petition an Bundeskanzler Kurz 

Petition – signatures

Hans Rauscher

 

 

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